#11 | Open Innovation mit Claudia Bienentreu, Head Open Innovation bei AXA

Agnieszka begrüßt in dieser Folge von Female Future Finance als Gast Claudia Bienentreu, Head Open Innovation bei der AXA. Mit ihr spricht sie über die Definition von „Open Innovation“, die Zusammenarbeit mit Startups und das Zusammenspiel der oftmals unterschiedlichen Unternehmenskulturen, wie eine erfolgreiche Kooperation in weiterer Folge dann aussieht, wie sich der Arbeitsmodus durch die pandemischen Verhältnisse verändert hat und welche Themen, Technologien und Geschäftsmodelle Versicherungen im Jahr 2031 möglicherweise haben werden.

  • (00:30) Was genau ist mit “Open Innovation” gemeint?
  • (01:25) Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Startups?
  • (02:38) Wie sieht ein Beispiel für diese Kooperation zur Lösung eines Kundenproblems aus?
  • (05:51) Wie erfolgt die Abwägung von Chance und Risiko bei den Projekten?
  • (07:53) Werden neue Innovationsmodelle auch intern entwickelt?
  • (09:42) Wie läuft die Zusammenarbeit angesichts oft unterschiedlicher Unternehmenskulturen?
  • (12:35) Wie sieht eine Kollaboration mit einem Startup genau aus, wird hier auch investiert?
  • (14:19) Wie werden Startups gesourced?
  • (15:33) Was steht im Vordergrund: Das Kundenproblem oder die Technologie?
  • (17:40) Wie hat sich der Arbeitsmodus angesichts der Pandemie verändert?
  • (20:05) Welche Themen, Technologien, Geschäftsmodelle werden Versicherungen in 10 Jahren haben?
  • (22:56) Zum Thema Predictive Insurance

Die Buchempfehlung von Claudia Bienentreu

Frederic Etiemble, Alan Smith, Yves Pigneur, Alexander Osterwalder: ”The Invincible Company: How to Constantly Reinvent Your Organization with Inspiration From the World’s Best Business Models


Claudia Bienentreu auf Twitter | LinkedIn

Das Transkript zur Episode:

Agnieszka Walorska 00:00:21

Willkommen zu einer weiteren Folge des Female Future Finance Podcast von Capco und Creative Construction mit Agnieszka Walorska. In unserer heutigen Folge spreche ich mit Claudia Bienentreu und sie ist Head of Open Innovation bei der AXA. Hallo Claudia!

Claudia Bienentreu 00:00:20

Hallo Agnieszka!

Agnieszka Walorska 00:00:21

Was ist denn eigentlich “Open Innovation” und wie unterscheidet sich denn Open Innovation von einfach “Innovation”?

Claudia Bienentreu 00:00:30

Ja, das ist eine gute Frage. Die höre ich häufiger mal! Im Prinzip geht es natürlich immer noch um Innovation und bei Innovationen geht es um neue Produkte oder Services, die differenzierend sind, wo es dann auch irgendwann hoffentlich in Markterfolg gibt. Und Open Innovation betreibt eigentlich nur so die Idee, dass man als großes Unternehmen diese Innovation nicht alle Inhouse selber entwickeln muss, sondern dass man offen ist für die Kooperation mit anderen Innovationspartnern. Und das können Universitäten sein. Es könnte auch Startups sein, aber auch manche Unternehmen gerade im Consumer Güter Bereich setzen da sehr stark auf Lead User Collaboration, also wirklich mit den Hauptnutzer zusammen dann neue Produkte und Services zu entwickeln. Und bei uns bei der AXA in der Schweiz, für die ich das Innovationsthema bearbeiten darf mit meinem Team setzen wir hier sehr stark auf die Zusammenarbeit mit Startups.

Agnieszka Walorska 00:01:25

Und wie funktioniert das? Also kannst du da so ein bisschen mehr unter die Haube schauen lassen? Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit mit Startups?

Claudia Bienentreu 00:01:33

Also wie wir vorgehen dabei ist eigentlich erstmal uns zu überlegen, welches Kundenproblem wollen wir denn lösen? Also die AXA ist Marktführerin in der Schweiz im Bereich Allbranchenversicherung. Und wir schauen eigentlich in unserem Kundenbestand – Was gibt es für Probleme, die wir lösen könnten, die auch Sinn machen würden aus Kundensicht, das die Axa die zusammen mit einem Partner löst beispielsweise. Wenn wir das verstanden haben durch Kundeninterviews, durch Beobachtung am Markt, gehen wir hin und screenen Startups, vor allen Dingen im DACH-Raum, aber auch in Frankreich beispielsweise, weil es für uns immer wichtig ist, wenn es ein Service ist, den wir dann Kunden letzten Endes anbieten wollen. Dass auch eine der drei Landessprachen in der Schweiz, nämlich Deutsch, Französisch oder Italienisch schon dort im Angebot ist. Sonst wirds nochmal schwieriger und suchen dann Startups wirklich, die schon Lösungen am Markt haben und schauen uns die an und führen viele Gespräche und versuchen dann über einen Pilot eigentlich zu testen, ob die Lösung funktioniert, ob die bei den Kunden ankommt und ob sie zu AXA passt.

Agnieszka Walorska 00:02:38

Und kannst du mal ein Beispiel geben von einem Kundenproblem, das ihr identifiziert und mit einem Startup abgelöst habt?

Claudia Bienentreu 00:02:47

Also das tun wir jetzt seit 2018 intensiv, oder kannst dir vorstellen in unserer Pipeline jedes Jahr: Wir führen so 10-12 Piloten sogar durch. Und natürlich kommt nicht jeder dann in die nächste Phase, weil nicht jeder Pilot erfolgreich ist. Das bringt Innovation ja so mit sich. Aber ein erfolgreicher Pilot und dann auch MVP, also die nächste Phase des Minimal Viable Products, die wir durchgeführt haben, ist mit dem Start Swibeco und zwar – muss ich das noch vorwegschicken – versuchen wir eben in dem Bereich kleinere und mittlere Unternehmen, KMUs, den KMUs das Leben einfacher zu machen. Bei allen möglichen Themen rund um die Mitarbeiter, um das Management der Mitarbeiter, die Motivation der Mitarbeitenden, die Gesundheit der Mitarbeitenden und auch um das Thema Fringe Benefits, also Nebenleistungen, Zusatzleistungen für Mitarbeitende bei KMUs. Denn, und das ist so die strategische Überlegung dahinter, wir haben ganz viele KMUs, die ihre Pensionskasse bei uns versichert haben. Das heißt die Rente, die Pension der Mitarbeitenden wird zu einem großen Teil in der zweiten Säule in der Zukunft von der Axa dann kommen, wenn die mal pensioniert sind. Das heißt, wir haben hier Zugang sowieso schon zu den KMUs und den Mitarbeitenden. Und das Thema Rente oder Pension ist ja auch eine Art neben Leistung des KMUs für seine Mitarbeitenden. Und da haben wir uns eben überlegt: Ja, was könnten wir denn dann noch bieten? Haben dann geschaut was gibt es schon am Schweizer Markt als mögliche Services rund um das Thema Mitarbeiter-Benefits eigentlich und haben dann die Firma Swibeco identifiziert. Die kommt aus Lausanne, aus der Westschweiz. Das heißt, auch das war schön, die hatten schon Englisch, Französisch und Deutsch im Angebot als Sprache und haben mit denen erst mal einen Pilot aufgesetztet. Und das hat so funktioniert, dass wir gesagt haben: Okay, lass uns mal schauen, ob dieser Service, den Swibeco eigentlich großen Unternehmen heute anbietet, also Nestlé, Schweizerischen Bundesbahn oder auch AXA in der Schweiz, einer großen Versicherung mit vielen Tausenden von Mitarbeitern, ob das auch wirklich interessant wäre für KMU’s. Und haben hier eigentlich versucht erst einmal 10-15 KMUs zu gewinnen in der Pilotphase, die gesagt haben: Ja, ich würde das gerne mal nutzen und haben gar nicht erst mal darüber nachgedacht, können wir das irgendwie monetarisieren, sondern wollten in dieser ersten Phase erst mal schauen – gibt es ein Interesse und funktioniert die Lösung dann auch für diese kleineren und mittleren Unternehmen, die 20, 50 oder 200 Mitarbeitern haben. Und das war erfolgreich. Und dann sind wir erst hingegangen und haben überlegt: Okay, wie passt das jetzt genau in die Landschaft der AXA? Was müssen wir IT-mäßig machen, dass die Kunden das dann auch über unsere Systeme, über unser Versicherungsportal mal nutzen können und wie können wir diese Partnerschaft über die mittlere und längere Frist danach ausbauen.

Agnieszka Walorska 00:05:52

Du hast ja ein sehr relevantes Thema für Innovationen angesprochen, eben diese Pilotierung und gleich mit der Feststellung: Naja, es ist ja nicht von Anfang an gegeben, dass es funktionieren wird. Wie geht ihr damit um? Also die Beobachtung ist natürlich sehr häufig – Scheitern macht jetzt nie so viel Spaß und auch die großen Unternehmen sind nicht auf das Scheitern sozusagen auch ausgelegt. Wie “framed” ihr sozusagen das von Anfang an, dass ihr auf quasi scheitern dürft in so einem Piloten?

Claudia Bienentreu 00:06:21

Ich glaube, das ist wirklich ein sehr langer Prozess gewesen, den wir da innerhalb der AXA Schweiz durchgemacht haben. Haben auch ganz viel investiert sowohl im Mindset als auch Kulturentwicklung internm, spezifisch für die Innovation bedeutet das, oder für die Ziele, die wir haben, bedeutet das z.B. auch, dass wir sagen: Okay, wir haben als Ziel 10 Piloten pro Jahr in etwa durchzuführen und 2 MVPs an den Markt zu bringen. Das heißt nur 2 von den 10, sagen wir von Anfang an gehen wir davon aus, dass sie überhaupt auf den nächsten Schritt kommen, dass wir wirklich breiter an den Markt gehen, damit. Am Ende des Tages sind es zumindest aktuell sogar ein paar mehr. Also unsere Erfolgsquote ist ein bisschen höher. Aber durch diese Zielsetzung hast du quasi schon den Entscheidungsträgern das Signal gegeben: Pass mal auf, wie entscheidet euch zwar für 10 Piloten, aber davon werden nur zwei überhaupt in die nächste Phase kommen. Und wenn das akzeptiert ist, dann fällt es auch einfacher für Piloten das Go zu geben oder grünes Licht zu geben, wo man vielleicht am Anfang noch denkt: Naja, okay, macht das wirklich Sinn? Oder ich und eben du kannst es dir vorstellen – Finanzbranche, Versicherungen ist eigentlich eher risikoavers, da möchte man nicht gerne irgendwas machen, was nachher nicht funktioniert. Und das war wirklich ein Lernprozess. Und dadurch, dass wir da jetzt schon bisschen länger unterwegs sind, ist unser Board mittlerweile da sehr gut drin eher die Chancen zu sehen als die Risiken, wenn wir irgendwas Neues anfangen.

Agnieszka Walorska 00:07:53

Und sag mal, wie verhält sich das, also dieser Ansatz, dieser Open Innovation, also eben nach Innovation quasi draußen zu suchen mit, sagen wir mal, so eine Innovation, die eher “inside out” kommt. Also macht ihr sowas auch und gibts da Berührungspunkte?

Claudia Bienentreu 00:08:12

Also wir haben das in der Vergangenheit auch gemacht und wir haben auch eigene neue Business Modelle entwickelt, haben aber gemerkt, dass das natürlich einerseits zum Teil recht lange dauert, bis man dann von der Idee über einen Prototyp hin zu einer eigenen Gesellschaft vielleicht kommt, zum eigenen internen Startup, was man dann als Spinoff noch irgendwie weiterführt und dass da sehr viele Hürden zu nehmen sind. Das kann funktionieren. Es gibt viele Großunternehmen, die das vormachen, die selber Inkubatoren führen oder Accelerator-Programme machen, wo sie interne Teams dann reinschicken. Wir haben nur gemerkt, dass eben dieser Prozess recht recht lange dauert, dass es dann erst Erfolgsergebnisse gibt und sind deshalb hingegangen und haben gesagt: Lass uns doch lieber mit Startups schnell testen, ob die Lösung funktioniert oder wo es noch Bedarf gibt, sie weiterzuentwickeln, damit sie für unsere Kunden dann funktioniert und sind so eigentlich darauf gekommen, eher den Open Innovation Ansatz zu fahren. Was aber nicht heißt, dass wir natürlich, wenn wir irgendwo sehen, wir haben hier ein Kundenproblem, für das gibt es keine Lösung am Markt, doch nochmal hingehen könnten und sagen: Ja, vielleicht macht es doch sind, hier selber eine Lösung zu entwickeln. Aber wir kennen mittlerweile ganz gut die, wie soll ich sagen, die Herausforderungen, die sowas mit sich bringt, eben nicht nur ein Feature oder ein Customer-Interface zu entwickeln, sondern ein ganzes Business-Modell, mit dem man dann irgendwann eben vielleicht auch mal Geld verdienen kann.

Agnieszka Walorska 00:09:42

Und du hast jetzt von den Herausforderungen gesprochen, was dann intern als Geschäftsmodell aufzubauen [ist]. Ich kann mir vorstellen, dass es auch die Herausforderungen gibt in der Zusammenarbeit mit Startups, die auf eine andere Unternehmenskultur haben und anders an die Sache gehen. Wie managed ihr das?

Claudia Bienentreu 00:09:58

Ja, absolut. Also da gibt es ja schon dieses schöne Bild, was einmal ab und zu mal begegnet, wenn man irgendwelche Vorträge hört oder im Internet auch unterwegs ist. Von dem großen Elefant und dem Windhund. Die Axa in der Schweiz, Marktführer im Bereich Allbranchenversicherung, ist natürlich ein großer Elefant, der manchmal ein bisschen schwerfällig ist auch, und wenn wir dann mit diesen sehr agilen, vielleicht auch schon von der Kultur und von der Herangehensweise ein bisschen anders gearteten Startups unterwegs sind, war das am Anfang schon für beide Seiten immer eine klare Lernphase. Wir mussten beispielsweise bei unserem Procurement erst einmal klarmachen, dass wir einem Startup keinen 20 Seiten langen Vertrag vorlegen können. Mit Konventionalstrafe und sonstigen Sachen, wie wir ihn vielleicht mit einem anderen Großunternehmen schließen, sondern das es dort quasi so eine Art Startup Version dann braucht. Und auch in unserem sonstigen Vorgehen: Das heißt schnell mal eine CRM-Kampagne rauslassen, nur an 500 Kunden, um schnell zu testen, wie reagieren die denn auf einen Service oder in den Newsletter reinzukommen. Es war für alle ein Lernprozess, dass wir an unserer Seite agiler wurden. Aber ich glaube mittlerweile haben ganz viele Startups auch gelernt, wirklich mit größeren Unternehmen zusammenzuarbeiten und sich dort auch zu professionalisieren. Gerade wenn es zum Beispiel dann ums Thema Datensicherheit geht, Cyber Risk und so weiter. Wir können natürlich keine Kollaboration eingehen mit einem Startup, wo wir nicht sicher sind, dass die Kundendaten oder sonstige, wie soll ich sagen, schützenswerten Daten hier auch sicher sind. Und deshalb muss man dann eben auch in der Lage sein, einen Pentest zu machen, beispielsweise auf Seiten eines Startups, um zu zeigen, dass die Systeme funktionieren und sicher sind. Und ich glaube, dass wir so über die letzten Jahre kann man sagen in der Finanzbranche einen Lernprozess auf beiden Seiten. Ich glaube, dass es mittlerweile ganz gut funktionieren und für mich einen so der der Haupterfolgsfaktoren ist eigentlich, dass man wirklich schaut, wie macht man den Setup von so einem Pilot und einer Zusammenarbeit, dass beide Seiten wirklich etwas gewinnen können, dass es auf Augenhöhe passiert und dass man sich einig: Was will man denn machen und an welchen KPIs misst man den Erfolg auf beiden Seiten und dass man das wirklich transparent während des gesamten Prozesses dann macht? Ich glaube, dann hat man eine ganz gute Chance, dass es zumindest nicht daran scheitert, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert.

Agnieszka Walorska 00:12:35

Du hast eben Procurement angesprochen. Das heißt: Ist dann euer Modell mit dem Startup, die quasi als Dienstleister bei euch an Board zu bringen? Oder investiert ihr auch in die Startups?

Claudia Bienentreu 00:12:48

So ist es. Also häufig ist es eine Kunden-Lieferanten-Beziehung sozusagen. Wir sind Kunde erst mal von dem Startup bzw. setzen dann in Kollaboration-Vertrag auf, wo wir dann festlegen, auf welchem Weg das Startup in unserem Kundenbestand, seine Services beispielsweise anbieten, kann und auch zu welchem Preis oder wie das Preismodell aussieht. Das ist das eine. Und wenn so ein Pilot oder auch dann der nächste MVP erfolgreich verlaufen ist und wir sagen, das ist jetzt so ein wichtiger Service für uns als Axa und für unsere Kunden, dann sprechen wir auch über ein Investment. Und wir haben im Moment fünf oder sechs Investments in Startups. Wir haben Joint Ventures auch mit Start ups schon gegründet zusammen, also haben da ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung. Aber immer nur dann, wenn wir wirklich davon ausgehen, dass diese Partnerschaft wirklich eine strategische und langfristige Partnerschaft sein soll. Für beide Seiten letzten Endes. Also wir sind kein Investment-Fonds. Das haben wir zwar auch in der AXA Gruppe, AXA Venture Partners ist ein Corporate Venture Fund , der global investiert mit mehreren hundert Millionen US-Dollar ausgestattet ist und da auch in Later Stage Startups investiert. Wir fokussieren uns seitens AXA Schweiz wirklich auf unsere ganz strategischen Partner. Das ist dann halt vielleicht dann irgendwann mal zwei Handvoll, aber kein riesiges Portfolio.

Agnieszka Walorska 00:14:19

Und wie sourced ihr diese Startups? Wie? Wie findet ihr die? Schreibt ihr das auf das Problem, was sie identifiziert haben oder wie kann man sich das vorstellen?

Claudia Bienentreu 00:14:28

Wie sourcen wir die Startups: Einerseits ist der Markt Schweiz natürlich klein und wir haben ein sehr gutes Netzwerk, sind ja auch schon lange jetzt dort aktiv in dem Startup Netzwerk und haben auch eine Partnerschaft mit dem Programm Kickstart Innovation. Das ist ein Programm, was dazu da ist, große Schweizer Unternehmen mit internationalen Startups zusammenzubringen. Das ist so eine unserer Quellen. Und dann haben wir natürlich die Möglichkeit, wie alle anderen auch oder über CrunchSpace und sonstige Datenbanken wirklich Screenings laufen zu lassen und zudem können wir eben auch noch auf das Netzwerk innerhalb der AXA natürlich zurückgreifen und tauschen uns auch sehr intensiv aus mit anderen Entities in Deutschland, in Spanien, in Frankreich. Und die europäischen Länder der AXA Gesellschaft in der Schweiz haben auch eine gemeinsame Datenbank, wo sie Innovationsprojekte einpflegen und Startup-Collaborations quasi reingeben, sodass ich zum Beispiel schauen kann: Mensch, haben meine Kollegen in Frankreich vielleicht schon mal was in der Richtung gemacht und mit wem haben die da zusammengearbeitet? Und so fließt die Information da ganz gut.

Agnieszka Walorska 00:15:33

Und was ich dich noch fragen wollte: Du hast ja gesagt, dass es häufig sehr Kundenproblem getrieben, dass es gemeinsam gelöst werden soll. Habt ihr aktuell irgendwelche Schwerpunkte, was die Themen angeht aber auch vielleicht was die Technologien angeht, nach denen ihr sucht?

Claudia Bienentreu 00:15:51

Also du sagst es völlig richtig. Wir sind tatsächlich Kundenproblem-orientiert und nicht Technologie-orientiert. Also zumindest bei mir im Team ist das so. Es gibt natürlich andere Bereiche in der Axa im Kerngeschäft, im Operations, wo sie auch nach neuen Technologien suchen, wo z.B. Voice Recognition getestet wird, im Service Center und solche Sachen. Da können wir auch zum Teil unterstützen durch unser Start-Up Netzwerk. Aber in unserem Fall, wo wir ja neue Business-Modell entwickeln wollen und neue Services, steht die Technologie nie im Vordergrund, sondern das Kundenproblem. Und wir haben drei Fokus Areas dort einerseits das Thema Mobilität, Individualmobilität. Das lässt sich daraus ableiten, dass die Axa der größte Autoversicherung in der Schweiz ist und wir natürlich sehen, dass der Markt sich dort verändert. Das Kundenverhalten verändert sich. Es kommen neue Modelle hier auf den Markt. Dann hatte ich schon erwähnt, den Bereich KMU. Also wir wollen neue Services für Schweizer KMUs entwickeln und fokussieren uns da im Moment sehr stark auf das Thema Mitarbeitende von KMUs. Vor allen Dingen aber auch jetzt dann das Thema Gesundheit. Weil wir alle wissen und ich glaube, viele von uns haben es auch gemerkt, jetzt in den letzten zwölf Monaten während der Corona-Phase, auch im Mitarbeiter oder Gesundheit von Mitarbeitern, auch unter erschwerten Bedingungen ist ganz ganz wichtig, da ein Auge drauf zu haben. Hier sind wir sehr aktiv im Moment und testen verschiedenste Themen und Services. Und als drittes haben wir noch den Bereich Life und Health, also Vorsorge im Sinne von Altersvorsorge und Gesundheit. Und auch dort suchen wir nach angrenzenden Services, neuen Themen, die wir Privatkunden in Zukunft anbieten können.

Agnieszka Walorska 00:17:35

Spannende Themen, die die sicherlich auch noch weit in die Zukunft relevant sein werden. Aber sag mal, du hast jetzt eben das Stichwort Corona [erwähnt] – kann man zwar nicht mehr hören, aber es ist halt nun mal da – wie hat die Situation, gut die Schweiz ist jetzt nicht so Hardcore-Remote wie Deutschland vielleicht, aber hat sich auch an dem Arbeitsmodus mit den Startups, mit den Partnern etwas geändert?

Claudia Bienentreu 00:17:59

Ja, hat sich schon natürlich geändert, weil wir auch seit fast zwölf Monaten niemanden mehr physisch getroffen haben. Was das arbeiten angeht, ist die Axa Schweiz seit März letzten Jahres vorwiegend im Homeoffice. Und das heißt natürlich wir sehen auch unsere Partner nur online. Und selbst jetzt wirklich die Anbahnung und Kontakte mit Startups, die wir in den letzten Monaten gemacht haben, die haben wir alle noch nicht physisch getroffen. Und ich muss ehrlich sagen, ich finde es ja noch erstaunlich. Es funktioniert ja trotzdem ganz hervorragend. Und selbst halbtägige Workshops sind möglich, wo man an gemeinsamen Business Model Canvas arbeitet und Brainstormings macht und Sachen bewertet und so weiter und so fort. Das funktioniert alles. Ich freue mich aber wirklich ehrlich gesagt auch wieder auf die Zeit, die sicherlich irgendwann kommen wird, wo ich wieder zu Events gehen kann und Leute zufällig treffe. Das fällt halt total weg. Und ich finde ja dieses schwer auszusprechen, aber doch tolle Wort “Serendipity” ganz schön. Und auch wenn wir eigentlich sehr versuchen, sehr strategisch vorzugehen, wirklich immer von den drei Fokus-Themen auf die Kundenprobleme, dann auf die Startups, passiert das natürlich trotzdem und mehr ohne Corona als jetzt mit, dass man zufällig durch Kontakte, durch Begegnungen auf Themen stößt, wo man sagt: Hey, da haben wir noch gar nicht dran gedacht, oder? Das wäre ja mal eine coole Sache. Lass uns das mal genauer anschauen. Und dann eher, ja, taktisch vorgeht und sagt: Super das ist ein Thema, dem nehmen wir uns erst mal an und das ist ein Part, der ist jetzt wirklich weggefallen. Und das ist echt schade, finde ich.

Agnieszka Walorska 00:19:45

Ein Modell für Open Innovation, auch wenn nicht so viel mit Versicherung zu tun hat, so ein Serendipity-Begegnungs-Generator.

Claudia Bienentreu 00:19:52

Ja wer weiß, vielleicht kommt es irgendwann auch dazu. Ich würde allerdings vorziehen, dass es bald wieder, irgendwann mal offline möglich.

Agnieszka Walorska 00:20:02

Wenn du das so sagst, muss ich dir zustimmen. Und du hast ja schon die spannenden Themen angesprochen: Mobilität, Gesundheit -große Zukunftsthemen. Wenn wir mal so ein bisschen den Blick in die Glaskugel werfen, das mache ich ja gelegentlich ganz gerne. Was sind so die Themen und vielleicht die Technologien und die Geschäftsmodelle der Versicherungen in 10 Jahren, im Jahr 2031?

Claudia Bienentreu 00:20:26

Das wüsste ich auch gerne. Ich habe leider keine Glaskugel und soweit kann ich nicht gucken. Aber wir machen uns natürlich Gedanken und überlegen uns verschiedene Szenarien. Ich glaube, es gibt gewisse Trends, die sehen wir im Moment alle, oder? Einerseits gibt es natürlich Startups, die an den Markt kommen und mittlerweile eben auch eine Erstversichererlizenz haben, zum Teil, die wirklich ein ganz anderes Kundenerlebnis bieten, als wir Incumbents, die Versicherer, die schon länger am Markt sind, bieten können. Das hat verschiedene Gründe: Von Legacy-Systemen bis hin zu Geschäftsmodellen, die aber basieren darauf, dass man einen bestehenden Außendienst hat und eben nicht alles online machen kann oder will und auch als gute Gründe dafür gibt, auch Beratungsgespräche nach wie vor anzubieten. Also ich glaube, da werden wir schon in gewissen Bereichen, im Privatkunden-Bereich sehen, das wirklich Pure Online Player sich weiterentwickeln und auch einen substanziellen Marktanteil gewinnen werden. Und je einfacher, more convenient, günstiger diese Angebote sind, desto erfolgreicher werden sie sein. Und das müssen wir uns als große Versicherer eben auch überlegen, wie wir damit umgehen und wann wir das auch anbieten und wo wir sagen: Beratung ist nach wie vor wichtig, klar. Ansonsten gibt es einen ganz klaren Trend auch dazu natürlich, was wir alles unter dem Thema Embedded Insurance sehen. Das heißt, du gehst hin und kaufst in der Schweiz, da haben die Leute jetzt Velos gekauft, Fahrräder in den letzten 12 Monaten, und auch sehr teure Fahrräder. Und da kommt die Versicherung eben mit dem Fahrrad, mit dem E-Bike und wird nicht mehr irgendwie extra abgeschlossen. Oder die Leute überlegen sich vielleicht gar nicht mehr eine Hausratversicherung zu kaufen in Zukunft, sondern diese Embedded Insurance mit den Produkten, die sie dann haben. Ich glaube, das sind Trends, die sehen wir heute schon, die sind schon da. Die Frage ist, wie wird sich das in den nächsten 10 Jahren entwickeln? Ich kann es natürlich nicht sagen. Ich glaube schon, dass Technologie auch da eine starke Rolle spielen wird. Digitalisierung wird voranschreiten und ich bin sehr gespannt, wie sich die ganze Blockchain-Thematik entwickelt. Natürlich auch das, was das für Versicherungen bedeutet. Smart Contracts als Stichwort, ob dass die Versicherung im Grundwesen verändert. Ich bezweifle es, weil am Ende des Tages wird es immer noch darum gehen, dass Menschen gewisse Risiken absichern wollen und das ist das, was Versicherungen tun und das werden sie auch in zehn oder warscheinlich auch in 20 Jahren noch tun.

Agnieszka Walorska 00:22:56

Eine Frage dazu: Es kam ja letzte Woche eine Meldung von WeFox, den Versicherungen Startup oder Startup-Inkubator, die quasi von diesen Versicherungs Modell so ein bisschen abgehen und sagen: Ws geht ja auch darum, diese Risiken erst mal gar nicht eintreten zu lassen und erst im nächsten Schritt abzusichern. Was glaubst du, wie steht ihr dazu? Glaubst du, das ist ein valides Modell für eine Versicherung sein wird eben gar nicht nur um dieses Risiko abzusichern, sondern die Risiken abzuwenden.

Claudia Bienentreu 00:23:28

Ehrlich gesagt ist das ja überhaupt nichts Neues, oder? Also Prävention ist da etwas, was Versicherer ja schon seit ewig langer Zeit betreiben. Also das fängt an, dass wir unsere Hausratversicherung Kunden beraten und sagen, es wäre noch gut, wenn ein Feuermelder installierst oder bei so einfachen Beispielen damit wenns dann anfängt zu brennen, du frühzeitig löschen kannst. Das geht über Krankenversicherungen, die dir heute in deinen Anteil am Fitness Abo zahlen, weil sie sagen, wenn du sportlich unterwegs. Du hast ein geringeres Risiko, gewisse chronische Krankheiten zu entwickeln. Also dieser Gedanke frühzeitig anzusetzen, mit Präventionsangeboten hinzugehen und sagen erst mal geht es gar nicht um Versicherung, sondern um das Abwenden von Risiken, ist so neu nicht. Ich glaube, im Moment, was wir da sehen, ist ein schönes Framing sich da neu zu positionieren. Aber der Grundgedanke ist ehrlich gesagt nicht so neu.

Agnieszka Walorska 00:24:28

Da muss ich vielleicht nochmal meine Versicherungen anschauen. Die sind mir irgendwie nicht so predictive.

Claudia Bienentreu 00:24:36

Ja, predictive ist sicher noch etwas anderes, sicherlich, aber preventive sollten sie wahrscheinlich schon sein, in vielen Fällen Agnieszka Walorska00:24:43 Der nächste Schritt wäre für mich nicht nur den Kunden zu sagen, sich so einen Rauchmelder zu installieren, sondern den ja auch smart zu machen und quasi den sofort zu benachrichtigen oder wenn das Fenster auf ist oder sowas…

Claudia Bienentreu 00:24:56

…und auch diese Modelle gibt es natürlich schon, mit Smarthome-Devices. Solche Sachen haben wir auch schon im Angebot gehabt, zusammen mit Hausratversicherung. Was du so alles über eine App quasi koordinieren kannst. Nur die Nachfrage nach IoT ist noch total gering, oder? Und ich glaube fast, dass der ganze Bereich Gesundheit da viel eher interessant ist. Das sieht man ja auch, in der Schweiz zumindest. Hier haben mittlerweile alle großen Grundversicherer in der Gesundheit Apps auf den Markt gebracht wo du alles mögliche tracken kannst und die dir wirklich individualisiert, dann sagen: Ja, vielleicht solltest du dich mehr bewegen, du solltest länger schlafen oder was es dann auch immer ist, was nutzt, was die Tracker dann alles dort aufnehmen. Oder ich glaube das ist wirklich nicht mehr weit weg. Extrem neugierig bin ich halt, was die Kundenakzeptanz angeht. Hab ich wirklich Lust oder wie viele Leute sind es, die sich da überwachen lassen wollen? Oder auch coachen lassen wollen in Zukunft? Oder wieviel Leute wollen es wirklich auch mit ihrer Versicherung teilen?

Agnieszka Walorska 00:26:00

Absolut. Und was bedeutet das dann ja auch für Versicherungsmodelle…

Claudia Bienentreu 00:26:03

Ja genau!

Agnieszka Walorska 00:26:04

…also Versicherungen haben ja immer noch so einen solidarischen Ansatz. Gerade die Krankenversicherer…

Claudia Bienentreu 00:26:10

Absolut.

Agnieszka Walorska 00:26:11

…Wenn du alle Risiken abwenden kannst und sagen: Nein, du hast 40 Prozent Brustkrebsrisiko, dich versichern wir gar nicht, denn dann hast du halt echt ein Problem mit den Modellen. Gerade wenn das genetische Testen sozusagen auch dazu kommt neben den ganzen Wearables.

Claudia Bienentreu 00:26:26

Und ich meine, da sprichst du eins der glaub ich wirklich großen gesellschaftlichen Probleme an. Denn die wir alle beobachten können, dass die soziale Schere immer weiter auseinandergeht. Und wenn ich dann auch durch Krankheit oder eine prognostizierte Krankheit vielleicht irgendwann nicht mehr versicherbar bin, habe ich ein echtes Problem, oder? Und das völlig unverschuldet. Und was das mit einer Gesellschaft macht, auch dem Sozialsystem in einem Staat, das müssen wir uns, glaube ich, sehr genau überlegen, bevor wir in die Richtung gehen.

Agnieszka Walorska 00:27:01

Ja, vielen Dank, Claudia. Darüber könnte ich noch lange quatschen, gerade über das letzte Thema. Und ich bin gespannt, wenn man dann rückblickend darauf schaut in den 10 Jahren, was da tatsächlich eingetroffen ist. Hast du noch vielleicht eine Buchempfehlung für uns, so in Richtung Ende unseres Podcasts?

Claudia Bienentreu 00:27:20

Ja, ich hab eine Empfehlung. Also etwas, was sich einfach selber extrem gerne nutze in meiner täglichen Arbeit. Das von Alex Osterwalder das letzte Buch “The Invincible Comany”, lso wie schaffe ich es eigentlich, meine Firma überlebensfähig zu machen, für die Zukunft. Da gehört natürlich Innovation extrem stark dazu. Und das systematisch anzugehen und wirklich zu überlegen: Wo brauchen wir Innovation? Welche Art von Innovation? Und wie schnell wollen wir da hinkommen? Da gibt es ganz viele Tools und Tipps eigentlich in dem Buch und ich finde das eine sehr spannende Lektüre. Aber für mich einfach ist es auch so eine Art Toolbox, die ich in meiner täglichen Arbeit auch nutze.

Agnieszka Walorska 00:28:09

Ja, super spannend. Vielen Dank. “Invincible Company” – das will ja jeder Company sein.

Claudia Bienentreu 00:28:14

Ja, genau.

Agnieszka Walorska 00:28:17

Und eine allerletzte Frage: Welche weitere Frauenstimme würdest du uns noch empfehlen für eine Podcastfolge?

Claudia Bienentreu 00:28:23

Ich finde das ihr mal sprechen könnte mit der Sandra Tobler. Sie ist CEO eines Fintech oder Tech-Unternehmen in der Schweiz. Sie hat das Unternehmen Futurae gegründet, das ist ein ETH-Spinoff. Ich finde es immer toll mit ihr zu sprechen, weil sie so einen Technologie-Background hat, aber eben gleichzeitig auch unternehmerisch tätig ist und eine sehr inspirierende Person ist.

Agnieszka Walorska 00:28:52

Super, vielen Dank. Dann melden wir uns bei Sandra. Danke Claudia!

Claudia Bienentreu 00:28:57

Danke dir! Hat Spaß gemacht!

Agnieszka Walorska 00:28:59

Auf jeden Fall!